18. April 2023 | Dieser Text wurde nach höchsten wissenschaftlichen Standards verfasst und von MedizinerInnen geprüft.

Tipps gegen Übelkeit und Erbrechen

Autor

OA Dr. med. Ercan Müldür

Medizinischer Experte

CO-AUTOR

Alexandra Musalek

Online-Redaktion

Übelkeit und Erbrechen gehören zu den gefürchtetsten und belastendsten Nebenwirkungen einer Krebsbehandlung, insbesondere der Chemotherapie. Die Vermeidung bzw. effektive Behandlung dieser Beschwerden ist daher heutzutage fester Bestandteil einer Krebstherapie. Treten Übelkeit und Erbrechen im Zuge deiner Krebsbehandlung auf, kann es zu schwerwiegenden Stoffwechselentgleisungen kommen. Grund dafür ist der übermäßige Verlust von Flüssigkeit und Salzen (Elektrolyten). Auch Mangelernährung, Gewichtsabnahme und dadurch bedingte seelische und körperliche Erschöpfung können Folgeerscheinungen von Übelkeit und Erbrechen sein. Vorbeugende Maßnahmen, die Übelkeit und Erbrechen verhindern sollen, sind daher sehr wichtig.

Wie entstehen Übelkeit und Erbrechen?

Die Entstehung von Übelkeit und Erbrechen ist ein komplexer Prozess, an dem unterschiedliche Reflexe und Botenstoffe beteiligt sind. Medikamente, die für die Chemotherapie eingesetzt werden (Zytostatika), können die Zellen der Darmschleimhaut angreifen und schädigen. Dabei werden Botenstoffe freigesetzt, die über spezielle Rezeptoren im Gehirn Übelkeit und Erbrechen auslösen können. Einige Zytostatika wirken auch direkt auf jenen Bereich im Gehirn, der Erbrechen auslöst. Zusätzlich können Nervosität oder Angst die Beschwerden verstärken. In einige dieser Vorgänge kann man mit bestimmten Medikamenten eingreifen und dem Auftreten von Übelkeit und Erbrechen entgegenwirken. Vielen Patienten kann damit sehr gut geholfen werden.

Gehören Übelkeit und Erbrechen zwangsläufig zu einer Krebsbehandlung dazu?

Übelkeit und Erbrechen müssen nicht zwangsläufig Teil einer Krebsbehandlung sein, sind jedoch häufige Nebenwirkungen der unterschiedlichen Therapien. Wie groß die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von Übelkeit und Erbrechen in deinem speziellen Fall ist, hängt von der bei dir gewählten Behandlungsform ab und lässt sich vorab gut einschätzen. Man spricht in diesem Zusammenhang von der „emetogenen Potenz“ einer Behandlung. Natürlich spielt – wie bei jeder Behandlung – deine individuelle Verträglichkeit gegenüber den Medikamenten eine Rolle. Nicht jeder Patient verträgt jede Behandlung gleich gut (oder schlecht).

Einzelne Wirkstoffe sowie auch gängige Kombinationen von Zytostatika werden nach der Häufigkeit eingeteilt, mit der sie Übelkeit und Erbrechen als Nebenwirkung einer Behandlung auslösen. Diese Einteilung kann auch auf die Bestrahlung bei Krebs angewendet werden.

Fachleute unterscheiden zwischen vier Risikogruppen:

  • hoch: Bei fast allen Patienten treten Übelkeit und Erbrechen auf (mehr als 90 von 100 Patienten).
  • moderat: Übelkeit und Erbrechen treten sehr oft auf (bei 30 bis 90 von 100 Patienten).
  • niedrig: Die Nebenwirkungen treten eher selten auf (bei 10 bis 30 von 100 Patienten).
  • minimal: Übelkeit und Erbrechen treten selten auf (bei weniger als 10 von 100 Patienten).

Was beeinflusst die Stärke von Übelkeit und Erbrechen?

Wie stark du während einer Krebstherapie an Übelkeit und Erbrechen leidest, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Einerseits spielen die Art und Zusammenstellung der Krebsmedikamente, andererseits die Verabreichungsform (als Injektion bzw. Infusion in die Vene oder in Tablettenform) eine Rolle. Auch die Art deiner Tumorerkrankung, dein Geschlecht, Alter, Angst, Vorerkrankungen und Erwartungshaltung haben Einfluss auf die Nebenwirkungen einer Behandlung.

Bei der Strahlentherapie hängt die Stärke von Übelkeit und Erbrechen auch von der bestrahlten Körperregion und der Größe des bestrahlten Gebietes ab.

Treten Übelkeit und Erbrechen zu bestimmten Zeiten auf?

Abhängig davon, wann Übelkeit und Erbrechen auftreten, unterscheidet man verschiedene Formen. Bei manchen Therapien treten Nebenwirkungen relativ rasch auf (innerhalb der ersten 24 Stunden). Bei anderen Therapieformen treten die Nebenwirkungen verzögert auf (nach 24 Stunden). Wird Patienten bereits vor der Behandlung schlecht – z.B. aufgrund ihrer Erwartungshaltung – spricht man von antizipatorischer Übelkeit.

Wie kann man Übelkeit und Erbrechen vorbeugen und behandeln?

Für die Vorbeugung und Behandlung von Übelkeit und Erbrechen stehen zahlreiche Medikamente, sogenannte Antiemetika, zur Verfügung. Diese beruhen auf unterschiedlichen Wirkmechanismen. Sie werden abhängig von der zu erwartenden Stärke und dem zeitlichen Verlauf der Nebenwirkung eingesetzt. Im Normalfall ist die antiemetische Behandlung fester Bestandteil der Chemo- und Strahlentherapie. Dein Arzt wird dich darüber informieren, ob Antiemetika in deinem Fall hilfreich sein können, und dich über deren Wirkweise und Art der Einnahme aufklären.

Nicht-medikamentöse Ansätze, wie Entspannungsübungen oder Verhaltenstherapie, kommen ebenfalls zur Anwendung – vor allem bei sehr ängstlichen Patienten. Teilweise werden auch angstlösende Medikamente und Akupunktur eingesetzt. Auch über diese Möglichkeit kannst du mit deinem Arzt sprechen.

Welche Fragen sollte ich meinem Arzt stellen?

Um dein persönliches Risiko für Übelkeit und Erbrechen im Rahmen deiner Krebstherapie einschätzen zu können, solltest du das Gespräch mit deinem Arzt suchen. Die folgenden Fragen dienen als Vorschläge und können dich dabei unterstützen:

  • Wie wahrscheinlich ist es, dass mir durch die geplante Chemotherapie bzw. Bestrahlung übel wird oder dass ich erbrechen muss?
  • Wann ist damit zu rechnen?
  • Wie lange kann die Übelkeit anhalten?
  • Bekomme ich bei meiner Krebsbehandlung vorbeugende Medikamente gegen Übelkeit und Erbrechen? Wenn ja, welche?
  • Entspricht die Wahl der Medikamente den anerkannten Empfehlungen in ärztlichen Leitlinien?
  • Können die Medikamente gegen Übelkeit selbst Nebenwirkungen haben?
  • Wie soll ich mich verhalten, wenn ich trotz der Medikamente unter Übelkeit und Erbrechen leide?
  • Können alternative Maßnahmen gegen Übelkeit und Erbrechen hilfreich sein?
  • Kann ich selbst etwas dazu beitragen, damit die Nebenwirkungen nicht so heftig ausfallen?

Wie kann man Übelkeit und Erbrechen tun während einer Krebsbehandlung vorbeugen?

Auch wenn sich Übelkeit während einer Krebstherapie oft nicht ganz vermeiden lässt, gibt es doch einige Dinge, die du tun kannst, um deren Häufigkeit und Intensität zu reduzieren.
Dazu gehört:

    • Verteile deine Mahlzeiten auf mehrere kleinen Portionen über den Tag und vermeide es, zu große Portionen auf einmal zu essen.
    • Achte auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr! Es kann sonst zu weiteren Komplikationen wie Blutdruckabfall, Kreislaufbeschwerden und Austrocknung kommen. Bevorzuge kalte, klare, nicht gesüßte Fruchtsäfte und stilles Mineralwasser.
    • Nimm dir sowohl während des Essens und Trinkens als auch danach ausreichend Zeit. Gönne dir nach jeder Mahlzeit ausreichend Ruhe.
    • Vermeid sehr süße, gebackene bzw. fette und geruchsintensive Speisen – besonders nach der Chemotherapie.
    • Versuche auch Gerüche, die du als unangenehm empfindest, zu meiden – z.B. Kochdunst, Zigarettenrauch oder Parfüm.
    • Greife zu leichter, gesunder und ausgewogener Kost. Auch sollten eher kalte oder lauwarme Speisen bevorzugt werden.
    • Essen nur, wenn du Appetit hast! Bleibt dein Appetit aus, versuche dich durch flüssige oder pulverförmige Nahrung bei Kräften zu halten.
    • Achte darauf, die Speisen ausreichend zu kauen. Dadurch werden diese leichter verdaulich.
    • Tritt die Übelkeit eher morgens auf, versuche noch vor dem Aufstehen trockene Speisen, wie Kekse oder Toast, zu dir zu nehmen. Dieser Tipp gilt nicht, wenn du an Entzündungen der Mundschleimhaut oder verminderter Speichelproduktion leidest.
    • Tritt die Übelkeit bereits während der Chemotherapie auf, solltest du einige Stunden vor der Behandlung nichts mehr essen.

Bereite Speisen vor und friere diese für die Zeit, in der du nicht kochen kannst oder willst, ein.

  • Vermeide es, zu eng anliegende Kleidung zu tragen.
  • Ist deine Übelkeit psychisch bedingt, solltest du unter der Anleitung von Experten Entspannungsübungen und Atemtechniken erlernen.
  • Achte darauf, eine Schlafräume regelmäßig und ausreichend zu lüften.
  • Vermeide Stress, Rauchen, Alkoholkonsum und zu starken Gewichtsverlust!
  • Achte darauf, nicht immer dasselbe zu essen. Auch deine Lieblingsspeise wird irgendwann langweilig.
  • War dir erst kürzlich übel, solltest du einige Stunden abwarten, ehe du die nächste Mahlzeit einnimmst.

 

Was kann ich tun, wenn mir bereits übel ist?

  • Ist dir bereits übel, lutsche Eiswürfel, Mentholtabletten oder saure bzw. scharfe Zuckerl mit angenehmem Geschmack. Dieser Tipp gilt nicht, wenn du unter Schleimhautentzündungen im Mundbereich leidest.
  • Atme tief und langsam ein, wenn dir übel ist.
  • Sorge für Ablenkung, Ruhe und Entspannung: Rufe Freunde oder Familienangehörige an, höre Musik oder schaue fern.
  • Geh regelmäßig an der frischen Luft spazieren. Langsames Bewegen ist dabei sehr wichtig!