Wirkung und Nebenwirkung von Targeted Therapies
Autor
OA Dr. med. Ercan Müldür
Medizinischer Experte
CO-AUTOR
Alexandra Musalek
Online-Redaktion
Die erfolgreiche Behandlung von Krebs ist eine der größten Herausforderungen der Medizin. Und das nicht erst seit gestern, der Kampf gegen die tödlichen Zellentartungen beschäftigt Mediziner und Wissenschaftler seit Jahrzehnten. Etwa 11,8 Milliarden US Dollar werden global jedes Jahr in die Krebsforschung investiert. Ein relativ neues Werkzeug im Repertoire der Onkologen ist die s.g. Targeted Therapy, der Einsatz von Medikamenten, welche besonders zielgerichtete Wirkung an den Krebszellen entfalten sollen.
Was ist Targeted Therapy?
Bei der Targeted Therapy wird in jene molekulären Vorgänge eingegriffen, die eine zentrale Rolle bei der Krebsentstehung und beim Tumorwachstum spielen. Im Unterschied zu den klassischen Krebstherapien wie Chemo- oder Bestrahlung richten sie sich gezielt gegen ausgewählte Angriffspunkte des Tumors, also bestimmte Eigenschaften der Tumorzellen, und beeinflussen damit Prozesse, die fast ausschließlich in Krebszellen ablaufen.
Wie wird die Targeted Therapy durchgeführt?
Zielgerichtete Therapien können als alleinige Therapie (Monotherapie) oder in Kombination mit Chemo- oder Strahlentherapie verabreicht werden. Sie stehen in Tablettenform oder als Infusionslösung zur Verfügung und werden in den meisten Fällen in fortgeschrittenen Stadien von Krebserkrankungen zur Verbesserung der Lebensqualität eingesetzt. Durch den gezielten Angriff auf die speziellen Eigenschaften der Krebszellen sprechen Tumoren auf diese Art der Therapie oft besser an als auf eine Chemotherapie. Die zielgerichteten Therapien stellen insgesamt eine viel versprechende Option in der Behandlung von Krebserkrankungen dar und geben vielen Patienten Anlass zur Hoffnung auf neue Möglichkeiten und verbesserte Heilungschancen.
Wie wirkt die zielgerichtete Krebstherapie?
Krebszellen weisen spezifische genetische Veränderungen auf, die in gesunden Zellen nicht vorhanden sind. Diese Eigenschaften sind dafür verantwortlich, dass ein Tumor entstehen und wachsen kann. Medikamente aus der Gruppe der Targeted Therapies können gezielt bestimmte Strukturen (Targets) in Krebszellen angreifen, deren Aktivität blockieren und so das Wachstum und die Vermehrung der Krebszellen hemmen. Die einzelnen Wirkstoffe beeinflussen dabei jeweils spezifisch unterschiedliche molekulare Prozesse:
Hemmung von Wachstumssignalen in Krebszellen
Normalerweise ist die Zellteilung und damit das Wachstum von Zellen streng geregelt. Eine komplizierte Signalübertragungskette sorgt dafür, dass sich eine Zelle nur dann teilt, wenn sie von außen den entsprechenden Befehl dazu erhält. Kleine Signalmoleküle (Wachstumsfaktoren) binden an der Außenseite der Zelle an den entsprechenden Rezeptor, wodurch der Befehl zur Zellteilung über mehrere hintereinander geschaltete Moleküle zum Zellkern weitergeleitet wird. So wird in gesunden Zellen durch ein Zusammenspiel aus Signalübertragung und -hemmung ein unkontrolliertes Wachstum verhindert.
In Krebszellen kann dieser Weg der Signalübertragung an unterschiedlichen Stellen gestört sein. Dadurch kann sich die Zelle auch ohne Signal von außen ungehindert teilen und wachsen – ein Tumor entsteht.
Monoklonale Antikörper
So kommt es in einigen Tumoren zu einer übermäßigen Ausbildung von Wachstumsfaktor-Rezeptoren. Dadurch werden verstärkt Befehle zur Zellteilung in das Zellinnere weitergeleitet. Gegen solche Rezeptoren wurden bestimmte Medikamente, sogenannte monoklonale Antikörper, entwickelt, diese binden gezielt an die entsprechenden Rezeptoren und hemmen sie in ihrer Funktion. Dadurch kann das unkontrollierte, übermäßige Wachstum der Krebszellen gestoppt werden.
Kinase-Hemmstoffe (z.B. Tyrosinkinasehemmer)
Neben den Rezeptoren stellen spezielle Proteine, sogenannte Kinasen, zentrale Schaltstellen für die Wachstumsregulierung dar. Auch sie sind wesentlich an der Signalübertragung beteiligt. In Tumorzellen weisen diese Kinasen oft eine übermäßige Aktivität auf, wodurch die Zelle unaufhörlich den Befehl zur Teilung erhält. Sogenannte Kinasehemmer können die Aktivität der einzelnen Kinasen spezifisch unterdrücken und dadurch das Wachstum der Krebszellen hemmen.
Unterdrückung der Blutversorgung des Tumors
Durch Angiogenesehemmer
Damit eine Krebszelle überleben kann, benötigt sie – wie alle anderen Zellen auch – Sauerstoff und Nährstoffe, also eine ausreichende Versorgung mit Blut. Im Laufe des Wachstums eines Tumors reichen die ursprünglich vorhandenen Blutgefäße irgendwann nicht mehr aus, um alle Zellen mit Blut zu versorgen. Krebszellen sind dann in der Lage, neue Blutgefäße auszubilden, um ihre Versorgung sicherzustellen. Dieser Vorgang wird als Angiogenese bezeichnet. Dies bildet einen weiteren Ansatzpunkt für Therapiemöglichkeiten: Unterdrückt man die Neubildung der Blutgefäße, können die Krebszellen nicht mehr ausreichend versorgt werden und sterben ab – der Tumor kann nicht weiter wachsen. Es wurden Medikamente entwickelt, die gezielt in diesen Vorgang eingreifen und dadurch ein Fortschreiten der Erkrankung verhindern können. Diese werden als Angiogenesehemmer bezeichnet.
Eingriff in die zelleigene „Müllentsorgung“
Durch Proteasomhemmer
In jeder Zelle fallen durch Stoffwechsel- und Teilungsprozesse Eiweißstoffe an, die verbraucht oder fehlerhaft sind. Damit die Zelle ihre Funktion aufrechterhalten und sich weiter teilen kann, müssen diese „Abfallprodukte“ regelmäßig entsorgt werden. Dies übernimmt ein Komplex aus Enzymen, das sogenannte Proteasom. In Krebszellen müssen diese Proteasome mehr Arbeit leisten als in gesunden Zellen, da durch die häufigen Zellteilungen auch mehr Abfallprodukte anfallen. Ist das Proteasom allerdings in seiner Funktion gestört, kann sich die Zelle nicht mehr teilen und stirbt ab – sie „erstickt an ihrem eigenen Müll“. Sogenannte Proteasomhemmer machen sich diesen Vorgang zunutze: Sie hindern die Proteasome an ihrer Arbeit und bringen so die Krebszellen zum Absterben.
Das Immunsystem gegen den Tumor richten
Zur Abwehr von Krankheitserregern und Fremdstoffen aktiviert das Immunsystem sogenannte Antikörper. Diese können sich an alle vom Immunsystem als fremd erkannten Strukturen heften, also etwa an die Oberfläche von Bakterien oder auch an körpereigene Zellen. Dadurch können Krankheitserreger unschädlich gemacht oder Zellen in ihrer Funktion gehemmt werden. Alle Antikörpermoleküle binden dabei spezifisch an eine Struktur (sogenanntes Antigen) an der Oberfläche der jeweiligen Zielzelle.
Für die Therapie von Krebserkrankungen stehen unterschiedliche Antikörper zur Verfügung, die jeweils gegen bestimmte Oberflächenstrukturen in Krebszellen gerichtet sind, wie etwa die bereits erwähnten monoklonalen Antikörper gegen Wachstumsfaktorrezeptoren.
Andere Formen der Immuntherapie
Neben der Antikörpertherapie gibt es weitere Möglichkeiten, das Immunsystem auf den Tumor anzusetzen. Dazu gehören Interferone und Interleukine. Diese Medikamente verstärken die körpereigene Abwehr und können so auch das Wachstum gewisser Krebszellen bremsen. Interferone können in Tumorzellen den programmierten Zelltod (Apoptose) auslösen. Interleukine sind von weißen Blutkörperchen gebildete Eiweißmoleküle. Interleukin-2 spielt eine besonders wichtige Rolle in der Krebstherapie: Es ist an der Bildung der für die Immunantwort wichtigen T-Zellen beteiligt.
Antihormonelle Therapie
Dies ist die älteste Form der zielgerichteten Therapien. Sie gehört bei hormonempfindlichem Brustkrebs zu einer der wichtigsten Behandlungsoptionen. In diesem Fall regen weibliche Geschlechtshormone, insbesondere das Östrogen, die Krebszellen zu verstärktem Wachstum an, weil diese Hormonrezeptoren besitzen. Bei Prostatakrebs ist es das Hormon Testosteron, das ein weiteres Wachstum des Tumors veranlasst. Die antihormonelle Therapie zielt nun darauf ab, die Bildung bzw. Wirkung dieser Geschlechtshormone zu blockieren.
An der Entstehung von Krebszellen ist eine Reihe komplexer molekularer Vorgänge beteiligt. Durch die moderne Forschung konnten viele neue Erkenntnisse gewonnen und, darauf abgestimmt, gezielte Medikamente entwickelt werden. Inzwischen gibt es weitere Wirkstoffe, die zwar noch nicht zur Therapie zugelassen sind, sich aber in klinischen Studien bereits als wirksam erwiesen haben.
Für welche Krebserkrankungen gibt es zielgerichtete Therapien?
Prinzipiell stehen zielgerichtete Therapien derzeit vor allem für die Behandlung von Darm-, Nieren-, Lungen-, Haut- und Brustkrebs sowie für bestimmte Formen von Lymphdrüsen- und Blutkrebs zur Verfügung. Bei einigen Tumorarten sind sie sogar Mittel erster Wahl.
Ob ein Tumor mit zielgerichteten Therapien behandelt werden kann, muss im Vorfeld individuell ausgetestet werden. Auch innerhalb einer Diagnose kann jeder Tumor andere Eigenschaften und unterschiedliche molekulare Merkmale aufweisen. Es muss daher getestet werden, ob die jeweiligen Zielstrukturen, gegen die sich die einzelnen Wirkstoffe richten, auch tatsächlich im Tumor vorhanden sind. Dafür wird eine Gewebeprobe des Tumors entnommen (Biopsie) und speziellen molekularbiologischen Tests unterzogen. Nur so kann entschieden werden, ob diese Art der Therapie in deinem Fall sinnvoll ist und welcher Wirkstoff individuell am besten passende ist.
Die zielgerichteten Therapien müssen praktisch immer mit einer Chemotherapie kombiniert werden. Dies ist auch bei der neuesten Entwicklung, den sogenannten Antikörper-Chemotherapie-Konjugaten, der Fall. Der Chemotherapie-Wirkstoff ist dabei direkt an den Antikörper gebunden und wird so nur in der Zielzelle (der Tumorzelle) wirksam. Dies hat zur Folge, dass es dabei fast keine Nebenwirkungen gibt.
Welche Nebenwirkungen hat die Targeted Therapy?
Die zielgerichteten Therapien greifen fast nur Krebszellen an, gesunde Zellen bleiben weitgehend verschont, wodurch in der Regel weniger unerwünschte Nebenwirkungen auftreten als etwa bei den klassischen Krebstherapien wie der Chemotherapie. Allerdings ist auch diese Form der Therapie nicht komplett frei von Nebenwirkungen.
Am häufigsten entstehen akneähnliche Hautveränderungen mit Rötung, Schuppung und Pustelbildung. Daneben kann es zu Hauttrockenheit kommen, vor allem an den Fingerspitzen entstehen dadurch oft schmerzhafte Einrisse. Weiters können unter anderem auch folgende Beschwerden auftreten:
- Nagelbettentzündungen
- vermehrte Pigmentierung der Haut
- erhöhte Lichtempfindlichkeit der Haut
- veränderte Haarstruktur, das Haar kann z.B. dünner oder brüchig werden
- Durchfall
- Bluthochdruck
- Blutungen
Die Haut- und Nagelveränderungen lassen in der Regel nach einigen Wochen von selbst nach. Durch spezielle Hautpflege lassen sie sich oft auch schon im Vorfeld vermeiden bzw. bei Auftreten lindern.
Das wichtigste kurz zusammengefasst:
- Zusammenfassend lässt sich sagen, dass mit den Targeted Therapies eine wirksame Ergänzung in das Repertoire im Kampf gegen Krebs gefunden wurde. Durch ihre gezielte Wirkung an krebstypischen Eigenschaften von Zellen, können gesunde Zellen besser als durch konventionelle Therapien geschont werden und das Wachstum des Tumors kann stark eingedämmt werden. Diese Therapie ist aber leider auch noch kein Allheilmittel, denn nicht für jeden Patienten kann eine Targeted Therapy den gewünschten Effekt bringen. Dein Arzt wird mit Dir bespreche, ob eine solche Behandlung für Dich Sinn macht oder nicht.
Die Target Therapy hat das Ziel, in die molekulären Vorgänge eingegriffen, die zur Krebsentstehung beitragen, dabei richten sie sich gezielt gegen bestimmte Eigenschaften, die fast ausschließlich in Krebszellen auftreten und modulieren bzw. blockieren deren Funktion - Die Wirkung der Targeted Therapy kann auf unterschiedlichen Mechanismen beruhen, etwa auf der Hemmung von Wachstumssignalen in Krebszellen, der Unterdrückung der Blutversorgung des Tumors, einem Eingriff in die zelleigene „Müllentsorgung“ oder dadurch, dass das Immunsystem gegen den Tumor gerichtet wird
- Nicht für jeden Patienten ist eine Targeted Therapy sinnvoll, der Tumor muss dabei ganz bestimmte Eigenschaften aufweisen, gegen welche es wirksame Medikamente gibt
- Nebenwirkungen sind bei dieser Therapieform weitgehend reduziert, trotzdem kommt es manchmal zu Überempfindsamkeit der Haut, einer vermehrten Pigmentierung, Durchfall oder Bluthochdruck