18. April 2023 | Dieser Text wurde nach höchsten wissenschaftlichen Standards verfasst und von MedizinerInnen geprüft.

Bestrahlung bei Krebs

Autor

OA Dr. med. Ercan Müldür

Medizinischer Experte

CO-AUTOR

Alexandra Musalek

Online-Redaktion

Sie ist ein effizientes und häufig angewandtes Mittel in der Behandlung von Krebs – und doch fürchten sie viele Patienten: die Strahlentherapie. Hier erfährst du, wie diese Therapieform funktioniert, welche Nebenwirkungen auftreten können – und warum man keine Angst vor ihr haben muss.

Was versteht man in der Medizin unter Strahlentherapie?

Die Strahlentherapie ist einer der Eckpfeiler der Tumorheilkunde (Onkologie). Etwa 60 Prozent aller Patienten werden im Laufe ihrer Behandlung bestrahlt. Und das durchaus erfolgreich: Bei zirka der Hälfte aller Heilungen war die Strahlentherapie im Einsatz – entweder alleine oder kombiniert mit anderen Methoden, wie der chirurgischen Entfernung des Tumors und der Chemotherapie. Im Laufe der Strahlentherapie kann es jedoch auch zu Nebenwirkungen kommen, welche dank fortgeschrittener Technologie im Verlauf der Jahre immer geringer geworden sind, jedoch weiterhin von Patienten verständlicherweise gefürchtet werden.

Wie funktioniert die Strahlentherapie?

Ebenso wie gesundes Gewebe bestehen Tumoren aus Zellen. Teilen sich die Zellen, wächst der Tumor. Hier setzt die Strahlentherapie an: Die Strahlung hemmt das Zellwachstum, indem sie die Erbsubstanz im Zellkern angreift. Die Zelle verliert dadurch ihre Teilungsfähigkeit und stirbt ab. Gesunde Zellen, die durch die Strahlentherapie eventuell ebenfalls beeinträchtigt werden, besitzen im Gegensatz zu Krebszellen die Fähigkeit, sich zu regenerieren. Daher schädigen die Strahlen den Tumor stärker als das Gewebe in seiner Umgebung.

Wann kommt eine Strahlentherapie zum Einsatz?

Für die Strahlentherapie lassen sich im Wesentlichen drei Anwendungsgebiete festmachen:

Die kurative (heilende) Strahlentherapie

Ziel hierbei ist es, die Krebszellen zu zerstören und eine Rückbildung des Tumors zu erreichen. Bei einigen Krebsarten kann eine alleinige Strahlentherapie zur Heilung führen bzw. die gleichen Heilungschancen mit sich bringen wie eine Operation. Dies ist etwa bei frühen Stadien von Prostatakrebs oder Kehlkopfkrebs der Fall.

Adjuvante Strahlentherapie

„Adjuvant“ bedeutet unterstützend. Dementsprechend kommt diese Form der Strahlentherapie zur Anwendung, wenn der Tumor bei einem Eingriff entfernt wurde. Ziel ist es, Tumorzellen, welche möglicherweise im Operationsgebiet zurückgeblieben sind, zu vernichten und dadurch der Entstehung von Metastasen (Absiedelungen in anderen Organen) vorzubeugen.

Die adjuvante Strahlentherapie geht immer mit einer Operation und/oder einer medikamentösen Therapie (wie etwa einer Chemotherapie) einher. Angewandt wird sie beispielsweise bei:

  • Brustkrebs
  • Lungenkrebs
  • Hirntumoren
  • Leukämie
  • fortgeschrittenen Tumoren an der Prostata, den Knochen oder im Bereich von Mundhöhle, Rachen und Kehlkopf

Strahlen- und Chemotherapie werden zwar sehr oft, aber nicht immer kombiniert. Manche Medikamente erhöhen die Strahlungsempfindlichkeit der Tumoren und verbessern so den Erfolg der Strahlentherapie.
Eine Strahlentherapie kann auch vor der Durchführung einer geplanten Operation zum Einsatz kommen, dies wird als neoadjuvante Strahlentherapie bezeichnet. Das Ziel dabei ist, den Tumor zu verkleinern und dadurch die operative Entfernung zu erleichtern oder überhaupt erst zu ermöglichen.

Palliative (lindernde) Strahlentherapie

Ist die Heilung der Krebserkrankung nicht mehr möglich, kann eine Strahlentherapie eingesetzt werden, um die durch den Tumor oder Metastasen hervorgerufenen Symptome zu lindern. Gute Erfolge bringt die palliative Strahlentherapie etwa bei Knochenschmerzen. Zudem kann sie Atemnot und Schluckbeschwerden mildern und hilft gegen Lymph- und Harnstau. Dadurch leistet die Strahlentherapie in diesen Fällen oft einen wesentlichen Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität betroffener Patienten.

Wie funktioniert die Strahlentherapie?

Grundsätzlich gibt es zwei Formen der Strahlentherapie:

Bestrahlung von außen (Teletherapie): Dies ist die häufigste Form der Strahlentherapie. Ein spezielles Gerät (sogenannter Linearbeschleuniger) erzeugt die Strahlung und bestrahlt den Tumor von außen durch die Haut. Welche Art von Strahlen genau verwendet wird, ist von der Art und Lage des Tumors abhängig. Im ausgeschalteten Zustand gibt ein Linearbeschleuniger keine Strahlung ab.

Bestrahlung von innen (Brachytherapie, Nahtherapie): Dabei wird die Strahlungsquelle in einer speziellen Hülle durch eine natürliche Körperöffnung so nahe wie möglich an den Tumor herangebracht (etwa bei Gebärmutterkrebs). Damit lässt sich im gewünschten Gebiet eine hohe Strahlendosis erzielen, wobei das umgebende Gewebe durch die geringere Reichweite weitgehend verschont bleibt. Die Behandlung erfolgt ferngesteuert im sogenannten Nachladeverfahren („Afterloading“). Es ist auch möglich, im Rahmen eines kleinen operativen Eingriffs einen sogenannten „Applikator“ (etwa einen dünnen Schlauch oder eine Nadel) direkt in den Tumor einzuführen. In diese Hohlsonde fährt anschließend das strahlende Material ein. Nach einer bestimmten Zeit – meist wenige Minuten – wird die Strahlenquelle aus dem Applikator wieder herausgefahren.

Wie läuft eine Strahlenbehandlung ab?

Bevor mit den ersten Therapieschritten begonnen wird, führen die an der Behandlung beteiligten Fachleute – meist Fachärzte, Physiker und Radiologietechnologen – ein ausführliches Erstgespräch mit dem Patienten. Dabei wirst du über den Ablauf der Therapie und mögliche Nebenwirkungen informiert. Zudem erfolgt eine umfangreiche körperliche Untersuchung. So kann unter anderem festgestellt werden, in welchem Stadium sich der Tumor befindet und ob die Befunde vollständig sind.

Hab keine Angst, den Medizinern deine Ängste, Sorgen und Befürchtungen mitzuteilen. Lassen Sie sich informieren, ob es eventuell Alternativen zur Strahlentherapie gibt. Auch können Angehörige zur Beratung mitkommen.

Hast du das Aufklärungsgespräch hinter dich gebracht, starten die medizinischen Vorbereitungen der Behandlung.

Lokalisation und Positionierung

Bei jedem Patienten wird die Bestrahlung individuell genau geplant. Zunächst erfolgt die Lokalisation des Tumors mittels aller verfügbaren Darstellungsinstrumente (Computertomografie, Magnetresonanztomografie, Ultraschall etc.). Danach werden die Bestrahlungsfelder festgelegt und am Körper des Patienten markiert. Unter Bestrahlungsfeld versteht man jenes Gebiet der Körperoberfläche, über das die Strahlung in den Organismus eindringt.

Computergestützte Bestrahlungsplanung

Um die Strahlung genau dosieren zu können, braucht das behandelnde Team einerseits Informationen über die genaue Lage des Tumors und der Organe, andererseits darüber, wie viel Strahlung Gewebe und Tumor aufnehmen können. All diese Informationen gewinnt der Arzt bei einer Computertomografie (CT). Die ermittelten Werte werden anschließend in einen Bestrahlungscomputer eingelesen. Die benötigte Strahlungsdosis lässt sich so exakt berechnen.

Durch diese genaue Planung wird gewährleistet, dass die Strahlen nur dort hingelangen, wo sie wirken sollen. Das umgebende Gewebe soll weitestgehend geschont werden, um Nebenwirkungen zu verhindern.

Wie lange dauert die Bestrahlung?

Jeder Patient bekommt einen eigenen Bestrahlungsstundenplan. Die Therapie erstreckt sich meist über einen Zeitraum von mehreren Wochen. Bestrahlt wird üblicherweise fünfmal in der Woche, die eigentliche Behandlungsdauer beträgt häufig lediglich ein bis zwei Minuten.

Die Strahlendosis pro Behandlungssitzung wird im Verlauf der Therapie nicht erhöht. Bestrahlt wird so lange, bis eine vom Arzt errechnete Gesamtdosis erreicht ist.

Wie wirkt sich die Strahlentherapie auf mein Leben aus?

Mediziner empfehlen, während der Strahlentherapie so weit als möglich seinen normalen Tätigkeiten nachzugehen. Vermeide starke körperliche und seelische Belastungen. Eine spezielle Diät ist normalerweise nicht notwendig. Mäßiger Alkoholkonsum ist meist in Ordnung, vom Rauchen wird von Experten dringend abgeraten.

In Sachen Pflege der bestrahlten Hautstellen solltest du Rücksprache mit deinem Arzt halten, frag ihn nach geeigneten Pflegeprodukten. Benütze keine stark parfümierten Seifen oder Duschgels, andere reizende Produkte sowie Pflaster oder enge, kratzende Kleidung. Länger einwirkende Feuchtigkeit oder Wasser ist zu vermeiden. Die am Körper angebrachten Markierungen dürfen nicht abgewaschen werden.

Welche Nebenwirkungen gehen mit einer Strahlentherapie einher?

Leider lässt sich nicht verhindern, dass während der Therapie auch gesundes Gewebe eine gewisse Strahlendosis abbekommt. In der Folge treten oft Nebenwirkungen physischer und psychischer Natur auf. Wie stark sie ausfallen, ist von Patient zu Patient unterschiedlich. Dazu gehören unter anderem die folgenden:

Körperliche Nebenwirkungen

Die Strahlentherapie ist eine lokale Behandlungsform, das heißt, sie wirkt in der Regel nur im Bereich des Bestrahlungsfeldes und erzeugt wie die Chirurgie Wunden und Narben. Zu den am häufigsten vorkommenden, akuten körperlichen Nebenwirkungen (= Wunden) der Strahlentherapie zählen je nach Körperregion, die bestrahlt wird:

  • Entzündungen der Schleimhäute in Mund und Rachen (Mukositis)
  • Reaktionen der Schleimhäute im Magen-Darm-Bereich (Enteritis) mit Übelkeit und Durchfällen
  • Entzündungen der Blasenschleimhaut (Zystitis)
  • Hautrötungen

Diese Nebenwirkungen bilden sich nach Ende der Strahlentherapie wieder völlig zurück.

Daneben können langfristige Nebenwirkungen (= Narben) auftreten. Hierzu zählt die sogenannte Strahlenfibrose, bei der sich das Gewebe an der bestrahlten Stelle verhärtet und Teleangiektasien (kleine rote Äderchen) entstehen. Je nach Krebsart und Behandlung kann durch eine Strahlentherapie auch die Fruchtbarkeit eingeschränkt werden, im ungünstigsten Fall ist es nach einer Strahlentherapie nicht mehr möglich, schwanger zu werden bzw. Kinder zu zeugen. Besprich am besten mit deinem Arzt, ob sich die Behandlung auf einen eventuellen Kinderwunsch auswirken kann.

Werde ich Schmerzen haben? Und fallen mir die Haare aus?

Im Normalfall nicht. An der bestrahlten Hautstelle spüren Patienten meistens nichts, auc keine Wäre. Der Mensch verfügt über keine Rezeptoren, die ionisierte Strahlung wahrnehmen können. Liegt der Tumor knapp unter der Haut bzw. muss die Haut mit einer höheren Dosis bestrahlt werden, kann es zu Hautreizungen kommen. Sie äußern sich durch eine Rötung und Schwellung, ähnlich einem Sonnenbrand. Die Haare fallen nur im bestrahlten Bereich aus. Sie wachsen häufig wieder nach. Bei hohen Strahlendosen kann es allerdings zu dauerhaftem Haarverlust kommen.

Psychische Nebenwirkungen

Bei einigen Patienten treten zudem psychische Nebenwirkungen auf. Diese werden durch die Therapie an sich verursacht, können aber auch durch den Leidensdruck bedingt sein, den eine Krebserkrankung oft mit sich bringt. Viele Patienten verspüren eine ausgeprägte Müdigkeit, vor allem dann, wenn körperliche Symptome wie Durchfall spürbar sind. Zu Erschöpfung führen kann auch die tägliche Fahrt in die Klinik. Ebenfalls kann die sogenannte Fatigue auftreten. Sie zeigt sich in extremer körperlicher Erschöpfung. In seltenen Fällen kann sich ein sogenannter „Strahlenkater“ entwickeln. Typische Symptome sind extreme Müdigkeit, Niedergeschlagenheit und geringe körperliche Leistungsbereitschaft. In manchen Fällen kann eine Strahlentherapie bzw. die sich daraus ergebende psychische Belastung negative Auswirkungen auf das Sexualleben haben.

Wie geht es nach der Strahlenbehandlung weiter?

Nach Beendigung der Strahlentherapie erfolgen zunächst in kurzen zeitlichen Abständen Untersuchungen durch einen Strahlentherapeuten. Danach sollte sich der Patient mindestens einmal pro Jahr einer Kontrolluntersuchung unterziehen.

Übernehmen die Krankenkassen die Kosten für eine Strahlentherapie?

Die Krankenkassen übernehmen in der Regel alle Kosten, die mit der Genesung von der Krebserkrankungen einhergehen. Dazu gehören die Diagnosestellung, die Therapie und die Nachbehandlung, also die erforderlichen Medikamente und Rehabilitationsmaßnahmen nach Abschluss der Therapie. Ähnliches gilt auch für Vorsorgeuntersuchungen, die dazu dienen sollen, eine mögliche Krebserkrankung früh zu erkennen und somit die Chancen auf Heilung zu erhöhen.

Patienten haben auch dann das Recht auf die Kostenübernahme, wenn die Prognose schlecht ist. Das Sozialgesetzbuch schreibt dabei vor, dass die Maßnahmen „ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich“ sein müsse und das „Maß des Notwendigen“ nicht überschreiten dürfen. Das betrifft nicht nur die Behandlung als solche, sondern auch die Wahl des Arztes.